Trauer braucht Rituale – Trauer-Ratgeber

Wenn sich ein Lebenskreis schließt, gibt es für die nahen Angehörigen des Verstorbenen vieles zu beachten und zu bedenken. Eine dieser Fragen: Wie soll der Abschied gestaltet werden? In einer sich wandelnden Trauer- und Begräbniskultur ist heute vieles möglich, was früher undenkbar war. Aber auch heute gilt: Rituale helfen den Angehörigen, mit dem Verlust und der Trauer umzugehen und den Tod als Teil des Lebens zu begreifen.

Es gibt keine gesetzliche Regelung zu der Frage, wer die Art und den Ort der Bestattung festlegen darf, falls der Verstorbene keinerlei Verfügung zur Gestaltung seiner Beerdigung hinterlassen hat. Diese Entscheidungen treffen nach anerkanntem Gewohnheitsrecht diejenigen, denen die Totenfürsorge zusteht. Das sind der überlebende Ehepartner, Kinder. Eltern und Geschwister – und nicht etwa automatisch der Erbe. Dieser allerdings ist in der Pflicht, wenn es um die Kosten für die Beerdigung geht. Wer Diskussionen und Streit zwischen seinen Hinterbliebenen vermeiden möchte, sollte sich schon zu Lebzeiten wenigstens einige grundlegende Gedanken zu seiner Bestattung machen und diese schriftlich niederlegen. Für die Angehörigen ist es zumindest hilfreich zu wissen, ob man sich eine Erd- oder Feuerbestattung wünscht und an welchem Ort man beerdigt sein möchte.

Im Trend: Naturbestattungen

Neben den klassischen Bestattungsformen gibt es zunehmend den Trend, Verstorbene auf einem Waldfriedhof oder in einem Naturforst zu beerdigen. Der Gedanke dahinter: Eine möglichst nachhaltige, ökologische Form der Beisetzung zu wählen und gleichzeitig den Angehörigen einen würdigen Ort der Trauer zu bieten. Vielen Menschen gefällt der Gedanke, dass ihre Asche inmitten weitgehend unberührter Natur zur letzten Ruhe gebettet wird. Außerdem: Ein sogenanntes Ruhebiotop benötigt als Grabstätte keinerlei Pflege, da es Teil des natürlichen Waldes ist. Die Wahl einer Grabstelle auf einem Waldfriedhof ist daher meist eine sehr bewusste Entscheidung.

Aber auch Friedhöfe gehen zunehmend nachhaltige Wege. Zum Beispiel in Bremen. Dort ist ökologischer Vorreiter der Friedhof der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde Blumenthal. Dort entsteht seit Anfang 2014 ein Friedhofshain mit Apfelbäumen, heimischen Pflanzen, Nistkästen und einem Insektenhotel. Sogar zwei Bienenvölker gibt es. Der Friedhof ist so nicht nur ein Gedenkort, sondern auch ein Naherholungsraum.

Neue Ruheforste

Oder als weiteres Beispiel Kirchlinteln im Landkreis Verden. Dort wurde Mitte 2014 ein weiterer Waldfriedhof eingeweiht. Der neue Ruheforst bietet die Möglichkeit, in einem gewachsenen Wald unter Bäumen bestattet zu werden. Die biologisch abbaubaren Urnen mit der Asche der Verstorbenen werden in den Wurzelraum der Bäume gebettet. Dadurch bleibt der Charakter des Mischwaldes weitgehend unverändert. Die Grabstelle wird mit dem Namen, Geburts- und Sterbedatum der Verstorbenen versehen. Für die Trauerfeiern im Wald wurde ein Andachtsplatz mit einem Holzkreuz und mit Sitzbänken gestaltet.

Den roten Faden finden

Da immer weniger Menschen konfessionell bestattet werden, sich die Angehörigen aber dennoch einen würdevollen und angemessenen Abschied wünschen, ist der Bedarf an freien Trauerrednern stetig gewachsen. Viele der Trauerredner stehen in einem sinnvollen und fachlichen Austausch miteinander. Ihre Dienstleistungen, zu denen auch die inhaltliche Gestaltung von Trauerfeiern gehört, werden entweder durch ein Bestattungsunternehmen gebucht oder von Menschen, die durch eine Empfehlung zu ihnen kommen. In einem persönlichen Gespräch lassen Trauerredner die Angehörigen von dem Verstorbenen erzählen Die inneren Bilder, die dabei aufsteigen und auch gezeigt werden, werden in passende Worte gefasst. Man versucht immer, den roten Faden im Leben des Verstorbenen zu finden und sich mit Achtung und Wertschätzung dem zu nähern, was wichtig war und Bedeutung hatte. Dabei darf auch zur Sprache kommen, was gelungen ist oder nicht gelingen konnte.

So entsteht ein klarer und liebevoller Blick auf das gelebte Leben. Wer möchte, darf als Freund oder Angehöriger gerne auch selbst eine Rede schreiben, die der Trauerredner dann verliest. So ist ein ganz persönlicher Abschied möglich – ohne Angst, dass die eigene Stimme versagt. Der Trauerredner selbst ist zwar eventuell trotz langer Berufserfahrung immer noch ein wenig aufgeregt vor den Trauerfeiern, aber es liegt in dessen Verantwortung, den richtigen Ton bei einem Abschied zu treffen. Es ist immerhin die letzte Gelegenheit für das letzte Wort.

Trauerkultur im Wandel

Die Menschen sind insgesamt mündiger geworden im Umgang mit Tod und Trauer. Es ist ein Wunsch nach Klarheit und Offenheit zu spüren. Die Menschen wissen heute um ihre Rechte als Angehörige viel besser Bescheid als früher. Sie bleiben auch viel eher in Kontakt mit ihren eigenen Gefühlen und mit ihren Verstorbenen. So kommt es relativ häufig vor, dass Verstorbene aus dem Altenheim oder dem Krankenhaus noch einmal nach Hause geholt werden, damit sich Freunde und Familie in vertrauter Umgebung verabschieden können. Nach Eintritt des Todes darf ein Verstorbener bis zu 36 Stunden zu Hause aufgebahrt werden. Persönliche Gesten und Rituale spielen beim Abschied und für die Trauerbewältigung eine große Rolle.

Angehörige sind oft beim Waschen und Ankleiden des Leichnams dabei. Sie werden ermutigen sie, in Kontakt mit dem Verstorbenen zu treten. Wer bei diesen Tätigkeiten lieber nicht anwesend ist, kann aber auch zum Beispiel den Toten später zudecken oder ein persönliches Erinnerungsstück, ein Kuscheltier oder einen Brief mit in den Sarg legen. Solche Gesten helfen bei der Bewältigung der Trauer.

Die Bestatter unterstützen die Angehörigen in ihrer Trauer und öffnen Räume, in denen diese Trauer gesehen und gelebt werden darf. Es ist ähnlich wie bei einer Hebamme, die kann die Wehen auch nicht einfach abstellen, der Schmerz gehört dazu. Ein Bestatter kann den Trauernden den Schmerz ebenfalls nicht nehmen, aber Begleiter im Trauerprozess sein.

Auch wenn die Trauerkultur insgesamt im Wandel begriffen ist, wird der Tod zu häufig noch als technischer Vorgang angesehen. Das Menschsein hört mit dem Tod ja nicht auf. Es wäre zu wünschen, dass im Umgang mit dem Verstorbenen seine Würde zu jeder Zeit gewahrt wird und bleibt.

Rituale erleichtern den Abschied

Rituale begleiten den Trauerprozess und erleichtern das Abschiednehmen. Im Trauerfall dürfen die Angehörigen vieles übernehmen, was zur Vorbereitung der Trauerfeier und Beisetzung dient. Sie können ihren Verstorbenen selbst waschen, anziehen und in den Sarg legen. Die Wäsche, Kissen und Decken können ebenfalls selbst ausgewählt werden. Die Bestattungsunternehmen beraten dazu, welche Kleidung oder Sargbeigaben gestattet sind. Erlaubt ist im Allgemeinen, was nicht umweltschädlich ist. Wer seinen verstorbenen Angehörigen noch einmal fotografieren oder zeichnen möchte oder einen Handabdruck in Ton oder auf Papier anfertigen möchte, darf auch dies. Mancher findet vielleicht Trost darin, die Trauerkarten und -anzeigen selbst zu entwerfen oder die Trauerfeier zu gestalten. Musik spielt hierbei meist eine wichtige Rolle. Wenn Lieder gespielt werden, die der Verstorbene liebte oder die an ihn erinnern oder sein Lebensgefühl ausdrücken, ist dies ein starkes und emotionales Abschiedsritual. Die Musik kann von einer CD abgespielt werden, auch Live-Musik ist vielfach gestattet. Findet die Trauerfeier in einer Kirche statt, sollte die Musik-Auswahl mit dem Pastor abgestimmt werden.

Kleine Gesten helfen

Die Auswahl des Blumenschmuckes, das Schmücken des Sarges, eigene oder auswählte Texte oder Gedichte, die vorgetragen, Gebete, die gesprochen werden: Oft sind es die kleinen Dinge, die zu einem feierlichen Abschied im Sinne des Verstorbenen beitragen und die Trauer der Hinterbliebenen erleichtern können. Schon zu Lebzeiten können Rituale dabei helfen, sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinander zu setzen.

So berichtet eine Trauerrednerin von der Bestattung einer älteren Frau, die aus Ostpreußen stammte. Sie hatte von einem Besuch in der alten Heimat ein wenig Erde mitgebracht, die ihre Angehörigen bei ihrer Beerdigung als letzten Abschiedsgruß in ihr Grab gaben. Die Verstorbene war somit in die Erde ihrer neuen Heimat gebettet und mit der heimischen Erde bedeckt.

Abschied von Kindern

Ein Wandel in der Trauerkultur ist auch im Umgang mit trauernden Familien und Kindern zu beobachten. So hat zum Beispiel das Bremer Bestattungsinstitut Ge-Be-In den Abschiedsraum für Kinder besonders konzipiert.

Der Raum, der von der Künstlerin Deila Nordhaus gestaltet wurde, ist in kräftigen Farben gehalten, eine Lichtkuppel scheint direkt in den Himmel zu führen. Der Ort strahlt Wärme und Geborgenheit aus. Überall sind Schmetterlinge, Marienkäfer und Libellen zu sehen. In der Mitte des Raumes steht ein massiver Baumstumpf, der Platz für das verstorbene Kind. Der Gedanke dahinter: Der kleine Sarg steht fest und sicher und doch so hoch, dass die Familie das Kind in ihrer Mitte tragen kann. Für die Geschwisterkinder steht eine kleine Treppe bereit. In solch einer liebevoll geschaffenen Atmosphäre gibt es genügend Raum für die Familien, in Ruhe und in aller Würde Abschied zu nehmen.

Das letzte Geleit

Für Verstorbene, die keine Angehörigen mehr haben, die für eine Beerdigung sorgen könnten, übernimmt das Sozialamt bzw. Amt für soziale Dienste (je nach Bundesland) die Bestattungskosten.

Wenn innerhalb von zehn Tagen kein Bestattungsauftrag eingegangen ist, veranlasst die Behörde eine anonyme Urnenbeisetzung – die Verstorbenen werden „von Amts wegen“ beerdigt.

Damit auch völlig allein stehende Menschen eine würdige Beisetzung erhalten, bildete sich zum Beispiel in Bremen vor einigen Jahren durch den Einsatz von Bremer Bürgerinnen und Bürgern, der evangelischen und der katholischen Kirche sowie einiger Bestattungsunternehmen die Initiative „Das letzte Geleit“. Einmal im Monat begleitet eine kleine Gruppe Ehrenamtlicher die Verstorbenen auf ihrem letzten Weg. Mit einer schlichten Trauerfeier und einer kurzen Andacht wird der Abschied begangen. Geistliche der beiden großen christlichen Kirchen wechseln sich bei der Gestaltung der kleinen Zeremonie ab. Mehr als die Namen der Verstorbenen erfahren die Ehrenamtlichen vom „Letzten Geleit“ dabei nicht. Ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass in Bremen auch vereinsamte Menschen mit Würde und Respekt vor dem gelebten Leben beigesetzt werden.

Ein Beitrag unserer/s Leserin/s Ines Larin aus Bremen.
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