Das vorwitzige Weihnachtsenglein

(Weihnachtsgeschichte von Margot Meusel)

Auf einer großen Wolke sind viele, viele Englein damit beschäftigt, sich auf das Weihnachtsfest vorzubereiten. Sie vergolden Nüsse. Sie reiben Äpfel blank. Sie verschnüren fertige Päckchen mit roten Bändern. Ab und zu bringen die Engel aus der Weihnachtsbäckerei frisches Gebäck und Zuckerwerk. Dabei werden sie von den herrlichsten Düften begleitet. Ach, allen läuft das Wasser im Munde zusammen! Aber naschen dürfen die Englein nichts von den guten Dingen. Die sind ja für die Kinder auf der Erde bestimmt. In der Weihnachtszeit müssen die Englein sehr fleißig sein.

Doch sie tun ihre Arbeit voll freudiger Erwartung. Hier klingt ein fröhliches Lachen auf, dort wird eine Melodie gesummt.

Aber plötzlich wird es mucksmäuschenstill. Der Heilige Nikolaus steht auf einmal da. Niemand hat ihn kommen sehen. Jedoch sein gutes Gesicht strahlt vor Vergnügen. Wohlgefällig sieht er auf seine fleißigen Schützlinge hinab.

„Das habt ihr sehr schön gemacht“, lobt er. „Doch wenn ihr hier fertig seid, müssen wir noch einmal unsere Lieder und Musikstücke proben. Ihr wisst ja, gestern hat es noch nicht geklappt.“

Er will gerade wieder gehen. Da fällt sein Blick auf das allerkleinste Englein. Es sitzt am Rand einer Wolke und ist über und über mit Gold beschmiert. Sogar auf dem winzigen Näschen sitzt ein goldener Fleck. Aber warum weint es denn so sehr? Ratlos kommt der Nikolaus näher. Ja, was muss er da aber auch entdecken! Das ganze Kleidchen ist mit Kuchenkrümeln bedeckt. Und überall liegen Nussschalen herum. Der kleine Tunichtgut hat die Nüsse nicht vergoldet. Er hat sie geknackt und aufgefuttert! Und nun hat er schreckliche Bauchschmerzen. Mitleidig nimmt der gute Nikolaus den kleinen Sünder bei der Hand und führt ihn zur Hausapotheke.

Dort muss das Englein einen großen Löffel voll bitterer Magentropfen schlucken. Ein paar Stunden später versammeln sich die kleinen Sänger und Musikanten um den Nikolaus. Die Generalprobe findet statt. Da wird gesungen, geflötet und gefiedelt, dass es eine wahre Freude ist. Der Nikolaus ist schon recht zufrieden. Doch bei der letzten Melodie legt er seine Hand hinter das rechte Ohr, um genauer hören zu können. Missbilligend hebt er seine buschigen Augenbrauen. So gut auch sonst gespielt wird, eine Flöte quietscht grässlich daneben. Wo steckt denn der unmusikalische Störenfried?

Ach, man wagt es kaum zu sagen! Es ist das naschhafte Engelchen von heute Morgen. Beschämt will es sich hinter dem Rücken eines anderen Engleins verstecken. Aber der Nikolaus entdeckt es doch.

„Du bist wohl doch noch etwas zu klein zum Mitspielen“, sagt er und nimmt ihm die Flöte weg. Da setzt sich das Englein schmollend auf den Wolkenrand und lässt seine Beinchen hinabbaumeln. Eine Weile lauscht es noch der weihnachtlichen Musik. Doch dann sieht es lieber den Schneeflocken zu. Sie werden vom Wind manchmal zu einem lustigen Tanz angetrieben. Dann wieder schweben sie ganz sachte und langsam immer tiefer und tiefer. Da kommt eine besonders dicke Flocke. Das Englein beugt sich weit vornüber, um ihr nachzuschauen. Plötzlich purzelt es kopfüber hinter der Schneeflocke her. Ist das ein Schreck! Ein Glück, dass es sich noch zur rechten Zeit an seine Flügelchen erinnert! So landet es doch noch wohlbehalten auf der Erde. Es blickt sich um und entdeckt ganz in der Nähe ein kleines Dorf. Tief verschneit liegt es da zwischen spitzen Hügeln und dunklen Tannen. Ein warmer, goldener Schein strahlt aus allen Fenstern. Das Engelchen fliegt geschwind darauf zu.

Als es ans erste Haus kommt, schaut es neugierig zu einem Fenster hinein. In der Stube ist ein kleiner Junge. Er hat gerade seine Weihnachtsgeschenke bekommen. Die Kerzen an dem Tannenbäumchen strahlen so hell, dass das Englein sein vergoldetes Stupsnäschen an die Fensterscheibe presst. Auf einmal wird es von dem kleinen Jungen entdeckt. Mit großen, erstaunten Augen kommt er ans Fenster. Da fliegt das Englein schnell weiter. Auf der Fensterscheibe aber ist ein goldener Fleck zurückgeblieben.

„Mutti!“ ruft der Junge. „Ein Englein war am Fenster! Sieh nur den goldenen Fleck!“

Die Christnacht ist herangekommen. Unter dem dunklen Himmelszelt mit seinen flimmernden Sternen streben die Menschen der Kirche zu. Auch der kleine Junge muss seine neuen Spielsachen für kurze Zeit verlassen. Die Mutter bindet ihm einen dicken Schal um und setzt ihm eine warme Mütze auf. Nun stapft er zwischen seinen Eltern durch den tiefen Schnee.

Unterwegs bleibt er ein paarmal stehen. Er zeigt auf Stellen, an denen das reinste Gold schimmert. Hier ist ein Tupfen am Zaun, dort ein Fleck am Strauch.

Die Spur führt bis zur Kirche.

„Hier ist das Engelchen gegangen, das vorhin durch unser Fenster geschaut hat“, sagt der kleine Junge aufgeregt. „Ganz bestimmt!“

Die Mutter lächelt und zieht ihn weiter. Die Glocken haben aufgehört zu läuten. Feierlich setzt die Orgel ein und die Gemeinde singt ein Weihnachtslied. Erwartungsvoll sitzt der kleine Junge auf der Kirchenbank. Mit glänzenden Augen sieht er zur Decke hoch. Dort sind prächtige Gemälde zu sehen. Und an den Wänden sind Heiligenbilder. Sie sind von vielen Englein umgeben. Aber eines davon bewegt sich ja! Der kleine Junge hält den Atem an. S e i n Englein sitzt da oben. Es sieht mit schelmischem Lächeln auf ihn herab. Leise heben und senken sich seine Flügelchen. Und jetzt fällt es mit seinem glockenhellen Stimmchen in den Gesang ein: „Stille Nacht, Heilige Nacht…“

Im Himmel wird das Englein schon vermisst. Als es nach dem Weihnachtsgottesdienst heimkehrt, hat es viel zu erzählen! Ja, da staunen die andern Englein!

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