Vom Hang zum Vergleichen – Die Frage des Tages

Ob es die Fußballmannschaft ist, die Schulklasse, die Jugendclique, die Arbeitsgruppe oder gar die Nation: Gruppen, die eine eigene Identität entwickeln und sich von anderen abgrenzen, sind im menschlichen Leben allgegenwärtig.

Daran hat sich über Jahrtausende nichts geändert. Dass einzelne Gruppen oder Menschen eine Identität bilden und sich von anderen unterscheiden, heißt zugleich, dass sich Vergleiche aufdrängen. Was fördert den menschlichen Hang, sich mit anderen zu vergleichen?

Antwort: Forschungsergebnisse zeigen, dass bestimmte Situationen und kulturelle Bedingungen die Neigung, Vergleiche zu ziehen, verstärken. Wie zwei Psychologen von der Universität Köln und ein Professor  von der London Business School im Fachjournal „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften erklären, ist die Neigung dann besonders stark, wenn strenge soziale Normen herrschen und Abweichungen davon bestraft werden. Ein Beispiel für eine Situation, auf die dies zutrifft, ist ein Vorstellungsgespräch. In solchen Fällen ist klar definiert, was richtiges Verhalten bedeutet. Deutlich größer ist die Neigung zum sozialen Vergleich nach Darstellung der Wissenschaftler außerdem in Situationen, in denen sich Menschen stark mit anderen verbunden fühlen. Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn sie sich auf einer Party begegnen. Laut den Wissenschaftlern machen die Erkenntnisse, die auf Befragungen beruhen, deutlich, dass Vergleiche nicht nur eine Frage der individuellen Wahrnehmung, sondern zum Teil in der sozialen Welt verankert sind.

Menschen achten darauf, wie andere denken, fühlen und sich verhalten. Die Informationen, die sie dabei erhalten, helfen ihnen, sich in der sozialen Welt angemessen zu bewegen. Wie stark sie vergleichen, hängt nicht zuletzt davon ab, wie ihr soziales Umfeld aussieht. Einen Beleg dafür sehen die Wissenschaftler auch in den Erkenntnissen, die sie gewannen, als sie mithilfe öffentlich zugänglicher Daten des Unternehmens Google ermittelten, wie oft in den verschiedenen US-Bundesstaaten Suchanfragen mit bestimmten Begriffen gestellt wurden. Bei diesen Begriffen handelt es sich um Wörter wie beispielsweise Stolz oder Eifersucht, die mit Emotionen und sozialen Vergleichen im Zusammenhang stehen. Wie sich herausstellte, neigen Menschen in Staaten, die kulturell und sozial strenger sind, stärker dazu, Anfragen mit solchen Begriffen zu stellen.

Dass zum Beispiel Eifersucht viel mit Vergleichen zu tun hat, zeigt der folgende Satz des Schweizer Schriftstellers Max Frisch (1911 bis 1991): „Eifersucht ist die Angst vor dem Vergleich.“ Wer an sich selbst zweifelt, hat naturgemäß mehr Angst, bei Vergleichen schlecht abzuschneiden. Dass manche Menschen stärker zur Eifersucht neigen als andere, führen Psychologen auf die Persönlichkeit zurück, genauer: vor allem auf das Selbstwertgefühl und den sogenannten Bindungsstil, das heißt die Erwartungen, die ein Mensch mit den Beziehungen zu anderen verknüpft. Während die einen in die Berechenbarkeit von Partnern, Verwandten und Freunden großes Vertrauen setzen, fürchten sich andere vor Zurückweisung beziehungsweise davor, verlassen zu werden. Dieser von Furcht und Sorge geprägte Bindungsstil begünstigt Expertenangaben zufolge Eifersucht. Gleiches gelte für ein geringes Selbstwertgefühl, also den Hang, sich selbst gering zu schätzen und an seinen Stärken zu zweifeln.

Menschengruppen, die sich mit anderen vergleichen, zeigen häufig den Hang, diese als negativ wahrzunehmen. Beobachten lässt sich dies zum Beispiel bei Gruppen von Mädchen und Jungen, die sich selbst für besser halten als andere. Eine mögliche Erklärung, warum dies so ist, hat eine Forschergruppe von der Universität Köln im Fachjournal „Psychological Science“ vorgestellt. Dabei gehen die Wissenschaftler von der Beobachtung aus, dass Gruppen sich selber über positive, andere aber über negative Eigenschaften definieren. Dies hängt nach ihren Angaben damit zusammen, dass Eigenschaften wie nett, umgänglich oder hilfsbereit bei einem Großteil der Menschen zu finden sind. Bei den schlechten Eigenschaften gebe es nicht nur ein breiteres Spektrum, sondern sie seien auch individueller. Deshalb liege es nahe, bei der Unterscheidung von Gruppen auf negative Eigenschaften zu achten. Belege hierfür fanden die Wissenschaftler bei Laborexperimenten.

Was solche Erkenntnisse im Einzelfall bedeuten, zeigt sich nach den Worten der Wissenschaftler unter anderem bei der Begegnung mit anderen Kulturen und bei Reisen, etwa in die USA. Zum Beispiel beobachten wir, dass in den USA Menschen dicker sind und mehr Waffen tragen. Diese Eigenschaften assoziieren wir dann mit Amerikanern, und sie bilden die Grundlage unserer Beurteilung.

 

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Ein Beitrag unserer/s Leserin/s Larry Hingsten aus Glashütte in Sachsen.
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