Der letzte Gang und die Trauer – ein Ratgeber

Trauer ist etwas sehr Individuelles. Jeder Mensch trauert ein bisschen anders und in seinem eigenen Tempo, auch wenn es dabei grundsätzlich fünf Trauerphasen zu durchschreiten gilt, in denen der Schmerz des Verlustes verarbeitet wird. Um diesen Schmerz leichter tragen zu können, entwickelten sich rund um den Tod und die Bestattung unterschiedliche Trauerrituale und -traditionen. Sie sind stark geprägt von den verschiedenen Religionen, denn die jeweiligen Jenseitsvorstellungen spielen naturgemäß eine große Rolle bei einem so elementaren und existenziellen Thema wie dem Tod.

Für viele Jahrhunderte war in Deutschland der Umgang mit dem Tod christlich geprägt. Die Menschen hatten mehr oder weniger genaue Vorstellungen davon, was sie erwartete, wenn sie gesündigt hatten: Sie landeten in der Hölle und schmorten dort für die Ewigkeit. Diejenigen, die ein gottesfürchtiges Leben führten, durften in den Himmel. Der Leib des Menschen musste unversehrt sein, die Feuerbestattung war daher im Christentum bis ins 19. Jahrhundert verboten. Die katholische Kirche hob dieses Verbot sogar erst 1962 auf. Auch die Bestattung der Toten war durch die Kirche und die Liturgie bestimmt.

Im Mittelalter wurden die Verstorbenen häufig noch am Todestag bestattet. Dabei spielte der Stand des Toten eine große Rolle. Einfache Menschen wurden auf einem Brett liegend und ohne Sarg beerdigt, meist in der Kleidung, in der sie verstorben waren. Der Begriff „Totenbrettl“ zeugt noch heute von dieser Tradition. Leute von Stand erhielten eine Beerdigung in einem Sarg, den die Angehörigen zum Grab trugen. Wer reich war und etwas für sein Seelenheil tun wollte, gründete eine Stiftung, die es sehr armen Menschen ermöglichte, ein anständiges Begräbnis zu bekommen.

Die Friedhöfe wurden in der Regel rund um die Kirchen angelegt. Ausgestoßene oder Suizidale, die mit ihrem Tod durch eigene Hand eine Todsünde begangen hatten, durften übrigens nicht auf dem sogenannten Gottesacker, also auf dem kirchlichen Friedhof, beerdigt werden. Bedeutende Menschen erhielten dagegen oftmals ein Grab in der Kirche selbst, teilweise mit prunkvollen Sarkophagen und reich verzierten Gedenktafeln und Grabsteinen. Da der Raum auf den Friedhöfen begrenzt war, wurden Gräber mehrfach genutzt. Man entnahm die alten Knochen und stapelte sie in den sogenannten Beinhäusern. Je stärker die Bevölkerung jedoch wuchs, desto größer wurde natürlich auch der Bedarf an Grabstellen. Im 16. Jahrhundert wurde der Platzmangel schließlich so groß, während gleichzeitig die Seuchengefahr stieg, dass die Friedhöfe an den Stadtrand verlegt wurden. Später wurde ihre Verwaltung von Städten und Kommunen übernommen. Die alten Beziehungen zwischen Kirchengemeinden und Begräbnisplatz lockerten sich dadurch immer mehr.

Pompöser Grabschmuck
Während im Mittelalter luxuriöse Grabbeigaben verpönt waren, so dass den Gräbern meist kein Schmuck beigelegt wurde, wurden die Gräber selbst mit prächtigen Steinen und sogar Denkmälern geschmückt – zumindest dann, wenn die Familien über ausreichend finanzielle Mittel verfügten. Der Brauch, Grabsteine aufzustellen, hat sich bis heute in unserer Friedhofkultur gehalten.

Im 18. Jahrhundert waren pompöse Begräbniszeremonien nicht nur im Adel, sondern auch unter den bürgerlichen Ständen en vogue. Wer es sich leisten konnte, knauserte weder an der Beerdigungsfeier noch am prachtvollen Grabschmuck. Das Bürgertum demonstrierte so seine Macht und seinen Einfluss. Mit der Reformation setzte eine Individualisierung des Todes ein. Bei der protestantischen Bestattung wurde eine auf das individuelle Leben bezogene Leichenpredigt ein festes liturgisches Element. Die Würdigung der Lebensleistung des Verstorbenen rückte mehr und mehr in den Vordergrund.

Die Form der Trauerkultur veränderte sich. Zwar blieb in bürgerlichen Kreisen noch immer ein gewisses Geltungsbedürfnis bestehen, das sich in möglichst prächtigen Trauerfeiern und Gräbern ausdrückte. Aber zugleich mischte sich darunter private Gefühlsbetonung mit christlichen Elementen.

Trauerkultur im Wandel
Im 19. Jahrhundert entstanden viele der auch heute noch erhaltenen Rituale der Trauer, andere werden gegenwärtig immer weniger gepflegt. Eine Aufbahrung zu Hause gibt es kaum noch, obwohl es theoretisch möglich wäre. Trauerflor und aufwändiger Blumenschmuck, der vormals üblich war, findet meist nur noch in dezenter Variante Einzug bei den Trauerfeiern. Bei Urnenbeisetzungen wird sogar ausdrücklich darum gebeten, von Blumenspenden abzusehen, da das Grab nicht damit geschmückt werden kann.

Diese Bitte findet sich oft auch in der Todesanzeige in der Zeitung. Solche Anzeigen sind übrigens auch eine Errungenschaft aus dem 19. Jahrhundert. In diese Zeit fällt ebenfalls die Entstehung der ersten Bestattungsunternehmen. War die Organisation der Beerdigung zuvor Sache der Familie, übernehmen bis heute professionelle Bestatter diese Aufgabe. Auch andere Aufgaben, die früher von den Kirchengemeinden oder den Geistlichen versehen wurden, werden jetzt von Trauerbegleitern, Trauerrednern, Hospizmitarbeitern und anderen Berufsgruppen ausgeführt. Die Anzahl der nichtkirchlichen Trauerfeiern nimmt deutlich zu, so dass sich christliche Traditionen im Umgang mit Tod und Trauer immer mehr auflösen.

Heutiger Umgang mit Traditionen
Nicht immer lassen sich liebgewonnene Traditionen aufrecht erhalten. Das moderne Leben steht dagegen. So zum Beispiel bei einem jungen Ehepaar aus Bremen. Das Paar ist vor ein paar Jahren berufsbedingt zugezogen und baut gerade ein kleines Häuschen im Bremer Umland für sich und ihre zwei kleinen Kinder. Der Rest der Familie ist weit verstreut. Seine Eltern wohnen im Ruhrgebiet, ihre in Bayern, eine Schwester hat es nach Berlin verschlagen, die andere nach Barcelona. Seine Eltern sind zwar noch nicht alt und gebrechlich, aber sie machen sich schon Gedanken, wie sie beerdigt werden möchten. Es gibt ein Familiengrab im Ort und es ist für sie selbstverständlich, dass sie dort von einem katholischen Pfarrer bestattet werden, auch wenn sonst keiner von der Familie mehr dort lebt. Die Eltern sind zum Glück so vorausschauend, dass sie für die Grabpflege Vorkehrungen getroffen haben, wenn sie selbst nicht mehr zum Friedhof gehen können. Dann wird ein Gärtner mit den notwendigen Arbeiten beauftragt. Für die eigene Bestattung haben die Eheleute noch keine festen Verfügungen festgehalten, aber ihre eigenen Vorstellungen. Während sie sich eine traditionelle kirchliche Aussegnung wünscht, hat ihr konfessionsloser Mann eine andere Meinung. Ihm ist das nicht so wichtig, er fände es schön, wenn es eine nette Feier mit einem Trauerredner gäbe, zu der alle zusammenkommen können, die dabei sein möchten. Am liebsten würde er in einem Friedwald beerdigt werden. Da möchte die Ehefrau allerdings nicht hin, die sowieso gerne auf Friedhöfe geht. Sie werden sich da also noch irgendwie einigen müssen. Das sei auch im Sinne der Kinder, meint seine Frau, denn dass Mutti hier begraben wäre und Papi da, das sei nicht schön.

In solchen Fällen beraten Bestattungsinstitute, damit gemeinsam eine gute Lösung für alle gefunden werden kann. Die könnte zum Beispiel im Falle des vorangegangen beschriebenen Ehepaares auch darin bestehen, dass das Familiengrab in Bayern als Ort der Trauer für alle Angehörigen genutzt wird. Denn wer weiß, wohin es ihre Kinder als Erwachsene mal verschlägt? Eine halbanonyme Urnenbeisetzung oder eine Bestattung im Friedwald ist ebenfalls gut geeignet, wenn es keine Familienangehörigen in der Nähe gibt.

Neue Heimat – neue Traditionen?
Auch Arif Hür wird mit einer Tradition brechen. Der seit vielen Jahrzehnten in Deutschland lebende Türke wird sich nicht in seiner Heimat bestatten lassen, obwohl ein Großteil der Familie noch dort lebt. Regelmäßig ist er mit seiner deutschen Frau zu Besuch in der Türkei. Seitdem er pensioniert ist, dauert so ein Aufenthalt schon mal ein paar Wochen. Aber ganz zurückzugehen, das kommt für ihn nicht in Frage. Seine Frau ist hier zu Hause und er ist es mittlerweile auch. Außerdem möchte er seine Enkelkinder aufwachsen sehen.

Eine Überführung und Bestattung in der Türkei wäre etwas kostengünstiger als eine Beerdigung in Deutschland. Sie haben danach erkundigt, aber sie wünschen sich in Deutschland eine gemeinsame Grabstätte, damit ihre Kinder einen Ort haben, an dem sie trauern können. Eine muslimische Bestattung ist ebenfalls kein Muss: Er habe schon etliche Trauerfeiern für deutsche Freunde und Verwandte seiner Frau erlebt. Das war sehr schön und sehr würdevoll. Wenn er vor seiner Frau sterbe, möchte er, dass seine Bestattung für sie und die Kinder so angenehm wie möglich ist, Traditionen sind ihm da nicht wichtig.

Bestattung in der Heimat?
Viele seiner älteren Landsleute denken da anders. Sie möchten gerne in der alten Heimat bestattet werden und vor allem nach islamischer Tradition. Das ist in Deutschland einfacher geworden, seitdem die Bundesländer Staatsverträge mit den muslimischen Verbänden unterzeichneten. Islamische Religionsgemeinschaften dürfen nun neue Friedhöfe anlegen und Bestattungen auf öffentlichen Friedhöfen nach den Regeln des Islams vornehmen. Dies war zuvor nur auf ausgewiesenen Grabfeldern möglich. Für die Kinder dieser Migrantinnen und Migranten ist es häufig überhaupt keine Frage, wo sie beerdigt werden möchten. Sie wurden hier geboren und möchten auch hier bestattet werden, allerdings auch nach muslimischer Tradition.

Feste Regeln
Der Islam sieht eine Beisetzung innerhalb von 24 Stunden nach Eintritt des Todes vor. Das Bestattungsgesetz erlaubt eine Bestattung allerdings frühestens 48 Stunden nach dem Todesfall. Eine weitere gesetzliche Hürde besteht darin, dass es auf kommunalen Friedhöfen kein ewiges Bestattungsrecht gibt, was allerdings im Islam gefordert wird. In Deutschland kann man eine Grabstelle meist nur für 20 bis höchstens 30 Jahre pachten. Eine Verlängerung des Pachtzeitraums ist oft mit hohen Kosten verbunden. Zudem erfolgt nach muslimischen Traditionen eine Beisetzung grundsätzlich ohne Sarg, was der Sargpflicht auf deutschen Friedhöfen entgegensteht. Auf vielen Friedhöfen mit muslimischen Grabfeldern ist es bundesweit aber inzwischen möglich, dass gläubige Muslime nur im Leintuch und ohne Sarg beerdigt werden. Ein Sarg für den Transport zum Grab wird aber dennoch benötigt.

Eine muslimische Beisetzung verläuft nach festen Regeln und einem rituellen Ablauf: Nach dem Tod wird der Verstorbene gewaschen – dies wird bei Männern in der Regel vom Imam übernommen, bei Frauen von den weiblichen Verwandten. Diese Waschung kann meist direkt in den Räumlichkeiten der Bestattungsinstitute vorgenommen werden. Danach wird der Verstorbene in ein Leinentuch gehüllt und von seinen Sünden freigesprochen. Auf dem Friedhof wird der Leichnam in das Erdgrab gebetet, das Gesicht des Toten zeigt dabei gen Mekka zur Kaaha, dem zentralen Heiligtum des Islam. Bevor das Grab mit Erde geschlossen wird, werden Holzbretter wie ein Dach über den Leichnam gelegt.

Viele Muslime passen sich den gesetzlichen Gegebenheiten in Deutschland an, lassen sich beispielsweise auch im Sarg beerdigen und nehmen die Befristung des Pachtzeitraumes in Kauf. Hier verwandeln sich vormals feste Traditionen offenbar in praktikable Regeln.

Tod und Trauer im Judentum
Eine jüdische Bestattung folgt ebenfalls festen Regeln und Ritualen und ist keinesfalls nur die Angelegenheit der Familie. Große Unterstützung erhalten die Trauernden von der „Chewra Kadischa“, der Heiligen Beerdigungsbruderschaft. Sie ist Teil einer jüdischen Gemeinde und kümmert sich um die Beerdigung sowie um die Angehörigen. Dem Bestattungsunternehmen wird in der Regel die Überführung des Verstorbenen zum Friedhof sowie die Erledigung der Formalitäten übertragen, alle anderen Aufgaben wie Trauerfeier und Beisetzung übernimmt die Chewra Kadischa.

Die Mitglieder der Beerdigungsbruderschaft nehmen zum Beispiel die rituelle Waschung des Verstorbenen, die Tahara, vor und hüllen ihn in ein langes weißes Totenkleid. Gläubigen Juden ist eine Feuerbestattung untersagt, der Körper muss unversehrt bleiben, damit er am Tag des Jüngsten Gerichts auferstehen kann. Da die Seele nach jüdischem Glauben erst dann aufsteigen kann, wenn der Verstorbene beigesetzt worden ist, sollte die Beerdigung so schnell wie möglich vollzogen werden. Dem entgegen stehen die deutschen Vorschriften, die die Bestattung frühestens nach 48 Stunden erlauben. Ebenso wie die Muslime werden die Juden traditionell nur im Leinentuch bestattet. Wegen der Sargpflicht auf deutschen Friedhöfen erfolgt die Beisetzung in einem sehr einfachen Holzsarg. Denn im Judentum gibt es das Gebot der schlichten Bestattung, das ausdrückt: Vor Gott sind alle Menschen gleich.

Wie auch in anderen Religionen beginnt die Bestattungszeremonie mit einer Trauerfeier in einem Abschiedsraum auf dem Friedhof. Ein Rabbiner hält eine Trauerrede nach einem einleitenden Gesang des Kantors. Gebete und Psalme werden auf Hebräisch vorgetragen. Nach der Grablegung werfen die Trauernden drei Schaufeln Erde auf das Grab, das Totengebet wird gesprochen und bevor sie gehen, legen die Trauergäste kleine Steine als eine Art „stillen Gruß“ auf das Grab.

Ein jüdischer Friedhof wird als „Beth Olam“ als „Haus der Ewigkeit“ bezeichnet. Hier gilt verbindlich die ewige Totenruhe. Die Gräber sollen für alle Zeit Bestand haben, somit ist eine Neubelegung ausgeschlossen. Alle Gräber sind gen Osten ausgerichtet, in Richtung Jerusalem. Grabbepflanzung oder Blumenschmuck ist in der Regel unüblich und nicht erwünscht, um die Totenruhe nicht zu stören. So sind viele der Gräber überwuchert mit Gras und Efeu. Die Zeit der Trauer folgt im traditionellen Judentum ebenfalls ganz festen Regeln. Vorgeschriebene Rituale sollen den Angehörigen den Umgang mit dem Verlust erleichtern. Die Trauerzeit ist in vier Abschnitte eingeteilt, in denen strenge Regeln einzuhalten sind.

 

Ein Beitrag unserer/s Leserin/s Karl Schuchert aus Wolfsburg in Niedersachsen.
Ende des Beitrags 1-2018-325-0043-1
Sämtliche Bezeichnungen auf dieser Webseite richten sich an alle Geschlechter.

Beitrag teilen

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


Ich akzeptiere

*